Mobiles Bezahlen vor dem Durchbruch
– Mobiles Bezahlen – nach Google folgen Apple und Banken
– Deutsche Kunden noch zurückhaltend
– In China ist Bezahlen mit Smartphone völlig normal
– Deutsche Banken im Zugzwang, eigene Verfahren anzubieten
– Neue Datenquellen schärfen Kundenprofil für Werbung

Peter Z. ist auf den ersten Blick ein unauffälliger Kunde. Bis es ans Bezahlen geht. Das macht er nämlich meistens mit dem Handy. Oder sogar mit seiner Uhr.

Peter Z. erklärt warum: „Weil es sehr praktisch ist. Ich muss keine Karten ziehen, ich muss nichts dabei haben. Innerhalb von einer Sekunde ist alles gebucht. Ich kann das 20 Sekunden später gegenchecken, weil ich dann einen Hinweis bekomme von der entsprechenden Kreditkartenabrechnung und besser geht’s nicht.“

Ein Smartphone und ein Kartenlesegerät
Kein Bargeld, keine Karten, sondern einfach mit dem Handy bezahlen: Praktisch. Aber auch sicher?

Sicherheitsbedenken hat er keine. Mit dem Handy oder der schlauen Uhr bezahlen: Noch führt das hier und da zu Irritationen an der Kasse. Peter Z. erzählt: „Ich halte meine Uhr hin. Sie hat das nicht mitbekommen; hat gesagt: Sie haben da irgendetwas geschummelt. Das ging nicht mit rechten Dingen zu. Daraufhin hat sie ihren Chef gerufen, der hat dann gesagt: Ah ja okay, ich habe das schon mal gehört, dass es funktioniert und dann war alles okay.“

Bezahlen mit Uhr und Smartphone – Deutsche noch zögerlich
Mobil bezahlen – seit Sommer ist das mit Google möglich. Apple folgt im Herbst. Die Banken steigen auch gerade ein. Und so funkttioniert es. Zuerst wird eine digitale Geldbörse angelegt – im Fachjargon „Wallet“. Die wird in der jeweiligen App mit der Kredit- oder EC-Karte verknüpft. Von dort werden die Zahlungen dann abgebucht. Die Transaktionen enthalten keine persönlichen Daten wie zum Beispiel Namen oder Adresse. Nur was zur Abwicklung wirklich nötig ist – wie der Betrag und die Kartennummer – wird ins System des Kaufhauses übermittelt. Kontaktlos und verschlüsselt – wegen der Sicherheit.

Bezahl-App auf dem Handy
Schon seit längerer Zeit kann man seine Parkgebühren per Handy zahlen.
Bei den deutschen Konsumenten sind die Meinungen zum mobilen Bezahlen noch geteilt. Interessant ist aber das Verhalten von ausländischen Gästen. Zahlen mit dem Smartphone – das ist vor allem in China schon völlig normal. Rund 500 Millionen Menschen kaufen dort so ein. Und so machen sie es auch hier. Marktführer sind keine Banken, sondern Alipay und We Chat Pay, Bezahldienste von Internetgiganten.

Jennifer Noelle, Händlerin Flughafen Frankfurt, erklärt: „Mobile Payment spielt bei uns hier im Store am Frankfurter Flughafen eine große Rolle, weil wir einen großen Anteil von chinesischen Kunden haben, die sehr, sehr gerne mobil bezahlen mit ihrem Handy.“

Deutsche Banken müssen eigene Systeme entwickeln
In Deutschland hat der Kampf um die Marktführerschaft beim mobilen Bezahlen gerade erst begonnen. Für Netzgiganten wie Google und Apple ist das smarte Bezahlen quasi ein Heimspiel. Aber die Banken sind mächtig unter Zugzwang, sagen Branchen-Experten. Tobias Baumgarten ist Blogger und erzählt: „Also für die Banken ist das natürlich sehr kritisch. Warum? Weil es natürlich den Druck auf sie erhöht, eigene Verfahren anzubieten und im Zweifelsfall tatsächlich auch die Verfahren der beiden großen amerikanischen Anbieter dann einzusetzen.“

Für den Nutzer sind Google und Apple Pay kostenlos. Beide wollen damit Kunden binden und Umsätze erzielen – aber mit zwei unterschiedlichen Konzepten. Apple Pay sammelt keine Benutzerdaten, verlangt aber von den Banken eine Umsatzbeteiligung von 0,15 Prozent – so hört man es aus Verhandlungskreisen. 15 Cent pro Hundert Euro Umsatz klingt wenig. Macht in der Summe aber Milliarden aus.

Mobiles Bezahlen schärft Werbeprofil von Kunden
Google hingegen bietet den Banken seinen Bezahldienst kostenlos an. Sammelt dafür aber reichlich Daten und Informationen – von uns, den Nutzern. Tobias Baumgarten, Mobile Payment-Experte: „Google weiß nachher, wann habe ich wo für wie viel Geld eingekauft. Das mag für den einzelnen Einkauf noch nicht so interessant sein. Wenn ich aber den Kunden dazu bekomme, regelmäßig mit Google Pay zu bezahlen, dann kann ich da schon das Werbeprofil, das ich ohnehin als Google schon habe, nochmal deutlich verfeinern und damit natürlich auch deutlich höherwertige Werbung verkaufen.“

Ist das mobile Bezahlen also als eine weitere Datenquelle für Google? Die Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärung sind an dieser Stelle schwammig formuliert. Gerne hätten wir darüber gesprochen. Google aber nicht mit uns. Schriftlich teilt man uns mit: „Generell werden Nutzerdaten und Kauf-/Transaktionsinformationen nicht an Dritte, auch nicht an Werbekunden, verkauft. Transaktionsdaten werden nicht für das Anzeigengeschäft von Google verwendet.“

Banken und Sparkassen feilen an Datensicherheit
An einem Automaten wird mit einem Smartphone gezahlt.
Die Deutschen sind noch geteilter Meinung, was das Bezahlen mit dem Smartphone angeht. Trotzdem: Auch hierzulande wächst das Angebot. Datensicherheit und -souveränität – für deutsche Kunden sehr sensible Punkte. Hier versuchen Volksbanken und Sparkassen im Vergleich zur US-Konkurrenz zu punkten. Volksbanken und Sparkassen haben mit großem Aufwand eigene Apps entwickelt und seit wenigen Wochen auf den Markt gebracht. Sie funktionieren aber nur auf Geräten mit Google-Systemen. Denn Apple will seine (Nahfunk-) Schnittstelle für iPhones nicht freigeben. Die Sparkassen könnten sich eine Zusammenarbeit aber vorstellen. Thomas Rienecker, Pressesprecher Deutscher Sparkassen- und Giroverband: „Mobiles Bezahlen ist sowohl für Android-Smartphones als auch für iPhones offen. Und wenn wir die Möglichkeit haben, dass unseren Kunden eine preisgünstige und datensparsame Möglichkeit geboten wird, dann sind wir auch für Kooperationen mit Dritten offen.“

Die Volksbanken wollen es dagegen komplett auf eigene Faust versuchen. Aber Google und Apple sind eben schon im Handy präsent. Ob die Kunden mitmachen und Volksbanken und Co. dort noch ihren Platz finden? Eine spannende Frage. Andreas Martin, Vorstand beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, weiß: „Unsere Herausforderung ist, das in das normale Bankgeschäft zu integrieren und dann hat der Kunde die Wahl. Will er es innerhalb seiner Bankverbindung, seiner gewohnten Bankverbindung realisieren oder will er es möglicherweise mit internationalen Plattformen durchführen.“

Aber auch national wächst die Konkurrenz. So kann man mit der App boon. des deutschen Finanzdienstleisters Wirecard ebenfalls mobil bezahlen. Das Münchner Unternehmen ist auf den elektronischen Zahlungsverkehr spezialisiert – weltweit.

Das läuft so gut, dass Wirecard – wie die Deutsche Börse heute bekanntgab – ab dem 24. September im DAX gelistet sein wird – anstelle der Commerzbank. Das hat durchaus Symbolkraft. Das Potenzial: riesig.

Vormachtstellung der Banken im Zahlungsverkehr bröckelt
Alexander von Knoop, Finanzvorstand von Wirecard: „Wir haben im Augenblick eine Quote von 80 bis 85 Prozent von Bargeldzahlungen. Diese Quote wird deutlich sinken zugunsten von digitalen und elektronischen Zahlungen. Und das ist unser Weg.“

Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Bisher ein Kerngeschäft der Banken. Durch das mobile Bezahlen wackelt diese Vormachtstellung aber gewaltig. Tobias Baumgarten, Blogger/aboutfintech.de: „Nicht umsonst hat ja auch Bill Gates Mitte der 90er Jahre schon seinen berühmten Spruch gebracht: Banking is necessary, banks are not. Auf gut Deutsch gesagt: Finanzdienstleistungen braucht eigentlich jeder Mensch, aber niemand braucht wirklich Banken.“

Wer macht das Rennen beim mobilen Bezahlen? Letztlich haben wir Kunden es selbst in der Hand – oder am Handgelenk, welches System sich am Ende durchsetzt.

Ein Beitrag von Peter Sauer